Weekend Magazin Wien 2026 KW17

Ein Anruf genügt: Für viele junge Men schen löst schon das Klingeln Stress aus – ein Drittel fühlt sich beim Telefonieren mit Fremden unwohl.

unter anderem darin: „Ju gendliche sind mit dem Handy aufgewachsen, und viele haben dadurch verlernt, direkt mit ihren Mitmen schen in Kontakt zu treten.“ Im Laufe der Zeit haben WhatsApp und Emojis so zu nehmend die unmittelbare Kommunikation ersetzt. „Wenn man einen Anruf ent gegennimmt, bleibt kaum Zeit, auf eine Frage, einen Vorwurf oder eine Feststel lung zu reagieren. Daher be vorzugt die jüngere Genera tion eine zeitversetzte Ver ständigung, die durch mo derne Technologien immer stärker gefördert wird“, erklärt Vogl, der sich bei pro mente unter anderem mit dem kom Die nonverbale Kommunikation

Leben. Für Vogl leidet unter der mangelnden Sprachbe reitschaft der Jugendlichen vor allem eine wichtige Grundlage, die für das menschliche Zusammenleben essenziell ist: „Wer nicht mit anderen spricht, verliert die Fähigkeit, Empathie zu zei gen.“ Die Folgen können weit reichend sein: Gespräche wer den oberflächlicher, Missver ständnisse nehmen zu und das gegenseitige Verständnis schwindet. Dadurch fällt es schwerer, sich in andere Men schen hineinzuversetzen, Konflikte konstruktiv zu lösen oder stabile zwischenmensch liche Beziehungen aufzubau en. Langfristig kann das nicht nur das persönliche Umfeld belasten, sondern auch den gesellschaftlichen Zusam menhalt schwächen. V „Die Angst vor dem Telefonieren entsteht heute oft, weil wir uns an Nach richten gewöhnt haben, bei denen wir Zeit zum Formulieren haben.“ Sebastian Klöß Leiter Märkte & Technologien Bitkom e. V.

dringlich oder unangenehm.“ Insgesamt kündigen 35 Pro zent der Studienteilnehmer ihren Anruf bei Freunden und Familie in der Regel vorab per Nachricht an. Selbst würden gerne 32 Prozent eine Nach richt bekommen, bevor sie angerufen werden. Bei man chen Menschen hat die Tele fonangst sogar Auswirkungen auf die Gesundheit. Läutet das Telefon führt das bei Betroffe nen zu schnellem Herzschlag, flacher Atmung, Zittern, Schweißausbrüchen, trocke nem Mund oder panischen Fluchtgedanken. Doch wa rum kann es überhaupt so weit kommen? WhatsApp und Emojis haben viel verändert Für den Soziologen David Vogl liegt der Grund dafür

plexen Thema digitaler Me dien und deren vielfältigen Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche beschäftigt. Sucht nach dem Handy und Angst zu sprechen Die erwähnten Fakten führen zu einem paradoxen Um stand: Einerseits können Ju gendliche kaum eine freie Minute ohne ihr Smartphone verbringen und zeigen bei einem Handyverzicht sogar suchtähnliche Symptome. Andererseits verzichten sie aus Angst, unmittelbar reagie ren zu müssen, auf die Funk tion des Telefonierens. Das mag auf den ersten Blick nicht weiter tragisch erscheinen, doch eine mangelnde Fähig keit, direkt mit seinem Gegen über zu sprechen, hat Aus wirkungen auf das tägliche

„Wer ständig schreibt statt spricht, verlernt mit der Zeit, spontan zu reagieren und echte zwi schenmenschliche Nähe nachhaltig aufzubauen.“ David Vogl Soziologe pro mente OÖ

FOTOSS: BILD OBEN: GROUND PICTURE/SHUTTERSTOCK, VOGL: INSTITUT SUCHTPRÄVENTION, KLÖSS: BITKOM E. V.

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