Weekend Magazin Wien 2025 KW42

STORYS

das sich als sicherer und trotzdem wirkmächtiger Sprengstoff zum Verkaufs schlager des Bergbauunter nehmens seiner Familie ent wickelte. Der Umstand, dass es alsbald dafür missbraucht wurde, Soldaten auf den Schlachtfeldern in Stücke zu reißen, brachte ihm den we nig schmeichelhaften Spitz namen „Händler des Todes“ ein. Um Abbitte zu leisten, rief er die Nobelpreisstiftung ins Leben, der er sein gesam tes Vermögen vermachte. Sie vergibt unter anderem jähr lich den Friedensnobelpreis an außergewöhnliche Frie densstifter. Destruktive Begleiterscheinungen Doch auch die Erfinder ge waltfreier Technologien, die das Leben der Menschheit insgesamt verbessern soll ten, haderten oftmals mit den unbeabsichtigten Be gleiterscheinungen ihrer Kreationen. So verdammte etwa der Schöpfer des Fern sehens, Philo Farnsworth, das Medium, in Anlehnung an Karl Marx, als das Opium

Bedrohlich Nobelpreisträger Geoffrey Hinton bereut mittlerweile seine Erfindung der künstlichen Intelligenz bitterlich, da er ihr ein apokalyptisches Potenzial attestiert.

Geoffrey Hinton

des Volkes. In seiner Vision sollte das Fernsehen ein Werkzeug des Lernens sein und den kulturellen Aus tausch zwischen den Men schen fördern. Seine schluss endliche, oftmals ausschließ lich berieselnde Nutzung empfand er jedoch als Zeit verschwendung. Noch dras tischer ging Geoffrey Hin ton, der Pate der künstlichen

Intelligenz (KI), mit seiner Erfindung ins Gericht. Der Nobelpreisträger von 2024 sieht aufgrund seiner Schöp fung apokalyptische Zeiten für die Menschheit anbre chen. Neben der massenhaf ten Verbreitung von mani pulativen Fehlinformationen prophezeit er in diesem Kontext eine gigantische Vernichtung von Arbeits plätzen. Unlängst prognosti zierte er, dass aufgrund der sich rasant weiterentwi ckelnden KI in Verbindung mit der humanoiden Robo tertechnologie bereits 2030 gut 99 Prozent der Arbeits plätze obsolet sein könnten. Globale Müllberge Von den Auswüchsen der Konsumkultur zeigte sich wiederum der Erfinder der Kaffeekapseln entsetzt. John Sylvan bescherte seine Inno vation einen nicht unerheb lichen Reichtum. Allerdings auch massive Schuldgefühle. Da die meisten Kapsel-Pro dukte nicht biologisch abbau

bar oder wiederverwertbar sind, habe er einen Beitrag zum globalen Anstieg eines schädlichen Müllaufkom mens geleistet. Sylvan plä diert daher für die Verwen dung von Kaffeefiltern. Kritik des Größenwahns Die reumütigen Gedanken der Erfinder bewahrheiten in gewisser Hinsicht die Er kenntnisse der Philosophen, die sich der Kritik des moder nen Größenwahns verschrie ben haben. Der kolumbia nische Fortschrittskritiker Nicolás Gómez Dávila formu lierte diesbezüglich etwa die Erkenntnis: „Die Hölle ist der Ort, an dem der Mensch alle seine Vorhaben verwirklicht vorfindet.“ Er wollte damit auf die Konsequenzen hinweisen, wenn sich der Mensch als das Maß aller Dinge begreift und sich ausschließlich auf den technischen Fortschritt ver lässt. Dieser Weg mündete für Dávila oftmals in eine morali sche, geistige und kulturelle Katastrophe. V

Philo Farnsworth

Sedierend Da sich das Fernsehen nicht zu einem Medium der Völkerverständigung und des Lernens entwickelte, verdammte es dessen Schöpfer, Philo Farnsworth, als Opium fürs Volk.

FOTOS: ROBOTER: DANIELVILLENEUVE/ISTOCK/GETTY IMAGES, HINTON: VIENNAREPORT/ ATILA ALTUNTAS / ANADOLU/ABACAPRESS.COM, SEDIEREND: LOLLOJ/ISTOCK/GETTY IMAGES, FARNSWORTH: MAURITIUS IMAGES/GPPHOTOSTUDIO/ALAMY/ALAMY STOCK PHOTOS

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