Weekend Magazin Tirol 2025 KW10
LEBENSART
nale Bindungen zu Prominen ten oder fiktiven Charakteren entwickeln, die ebenso einsei tig sind, sich für die Person aber real anfühlen. „Ob eine KI Liebe empfinden kann, ist fraglich – aber dass Menschen für sie Liebe empfinden kön nen, ist eine Realität“, weiß der Philosoph. Kein Körper, kein Problem? Ein weiterer Kritikpunkt an KI-Beziehungen ist die fehlen de Körperlichkeit. Der Mensch braucht Berührung – für Ba bys ist Körperkontakt überle benswichtig. Es ist nicht nur die erste Sprache, die wir ler
Wie beeinflusst KI unsere Vorstellung von romantischen Beziehungen? Technologische Entwicklun gen haben immer Einfluss auf unsere Beziehungen und unsere Identität. Künstliche Intelligenz ermöglicht neue Formen der emotionalen Bin dung, aber sie verändert auch, was wir unter Nähe und Intimität verstehen. Be sonders spannend ist die Fra ge, inwiefern KI überhaupt in der Lage ist, echte Bezie hungsdynamiken nachzubil den – oder ob sie letztlich nur unsere eigenen Wünsche und Projektionen reflektiert. nen, sondern auch eine ele mentare Form der Kommuni kation. Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass Berührungen glücklich machen, das Im munsystem stärken und bei der Stressbewältigung helfen. Verantwortlich dafür sind die „Glückshormone“ Oxytocin und Serotonin. Bleibt Körper kontakt über längere Zeit aus, werden diese Botenstoffe nicht ausgeschüttet, was zu Depres sionen und Ängsten führen kann. Ob man solche Berüh rungen auch mit Robotern si mulieren kann, versuchen For scher des Max-Planck-Insti tuts in Stuttgart herauszufin den. Mit ihrem „HuggieBot“
Viele Menschen lassen sich dennoch auf eine emotionale oder romantische Beziehung mit einer KI ein. Warum? Wir sind soziale Wesen und suchen Verbindungen. Ein großer Faktor ist Kontrolle: Eine KI kann exakt so sein, wie man sie sich vorstellt, ohne Konflikte oder Enttäu schungen. Für Menschen, die in Beziehungen verletzt wurden oder unter Einsam keit leiden, kann eine KI-Be ziehung eine Art Ersatz sein. Das ist übrigens kein neues Phänomen – der Wunsch nach einer idealisierten Lie be findet sich schon in der wollen sie herausfinden, wel che Anforderungen techni sche Systeme erfüllen müssen, damit ihre Berührungen als angenehm und hilfreich emp funden werden. Auch im Be reich Virtual Reality (VR) und Augmented Reality (AR) wird fieberhaft an Lösungen für das „Berührungsproblem“ gear beitet, etwa durch spezielle Anzüge oder Sexspielzeuge. Spiegelung der Sehnsüchte Trotz all dieser Entwicklun gen, die sich in den nächsten Jahren noch rasant fortsetzen werden, bleibt die eine Frage bestehen: Können KI-Bezie
Antike, etwa bei Pygmalion, der sich in eine selbst erschaffene Statue verliebt. Werden solche Beziehungen in Zukunft gesellschaftlich akzeptiert sein? Beziehungen werden sich weiter pluralisieren, und was heute noch als ungewöhnlich gilt, könnte in Zukunft ganz anders bewertet werden. Ein vollständiger Ersatz für reale Partnerschaften wird es aber nicht sein. Die menschliche Erfahrung von Liebe, mit ih ren Höhen und Tiefen, ist mehr als eine perfekt pro grammierte Simulation. hungen echte Liebe sein? „Be ziehungen mit KI könnten in Zukunft akzeptierter werden, aber sie werden den Menschen nicht ersetzen“, meint Chris toph Großschädl. Sex, Liebe und Nähe seien mehr als programmierte Reaktionen – „sie entstehen nur aus echten Begegnungen“. Diese bittere Wahrheit musste auch Theo dore aus dem Film „Her“ ler nen, dessen virtuelle Freundin sich am Ende des Films ver selbstständigt und Beziehun gen zu 8.316 anderen Men schen und Betriebssystemen unterhält – in 641 von ihnen ist sie nach eigenen Angaben sogar verliebt. V
SHORT TALK
Beziehung oder Illusion?
Christoph Großschädl Philosoph Universität Graz
FOTOS: SHORTTALK: PRIVAT, HERZ: ISTOCK.COM/ STYLE-PHOTOGRAPHY
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