Weekend Magazin Wien 2026 KW09

LEBENSART

SINGLESEIN IST AUCH EINE ALTERSFRAGE

SHORT TALK

44%

37%

32%

31%

30%

27%

24%

20%

Gesamt

Männer

Frauen

50–59 J.

60 - 69 J.

30–39 J.

40–49 J.

18–29 J.

QUELLE: MARKETAGENT.COM, N=1.069 ÖSTERREICHER:INNNEN, 18–75 JAHRE, DARUNTER 330 SINGLES, 18.12.2025–01.01.2026

Wolfgang Wilhelm Psycho- und Paartherapeut

„40 plus“ dreht sich das Beziehungska russell wieder nach ganz eigenen Regeln, legt dabei aber immer öfter auch die eine oder andere erwünschte Pause ein. „Heute gibt es oft mehrere Phasen, die man alleine verbringt“, erzählt Schmidt. „Erlebtes macht vorsichtiger: Nähe wird nicht generell gemieden, aber sorgfälti ger gewählt“, ergänzt Wohlfahrter. Partnerschaft im Prüfmodus Einig sind sich die Expertinnen, dass An sprüche und Erwartungen an Partner schaften in den letzten Jahren deutlich ge stiegen sind und sich weiter ausdifferen ziert haben. Der Drang nach Selbstver wirklichung und Selbstoptimierung er höht den liebestechnischen Stresslevel : Beziehungen werden zunehmend bewer tet, geprüft und reflektiert. Und immer wieder hinterfragt. An der Überzeugung,

dass es „die eine“ oder „den einen“ für im mer tatsächlich gibt, wird aber unbeirrt festgehalten, wie die Soziologin feststellt. Das ist emotional anstrengend und – ja – oft enttäuschend. Freiheit mit Nebenwirkungen Eine Entwicklung, die Psycho- und Paar- therapeut Wolfgang Wilhelm kritisch beobachtet: Unsere Gesellschaft frönt dem Unabhängigkeitsfetisch mit vielen negativen Folgen wie sinkender Gebur tenrate, Kommerzialisierung und zu nehmender Einsamkeit, wie er betont: „Bindung und Nähe sind nicht etwas, was man einfach nach Belieben ein- und ausschalten kann und konsumiert, wie es einem gerade passt. Es ist ein gegen seitiges Geben und Nehmen, es ist Be reicherung und Verantwortung gleicher maßen.“ V

Bindungsfrage: Singlekultur Neues Normal: Sind Singles akzeptiert? Zuerst einmal ist es gut, dass heute die Zweierbeziehung mit Trauschein nicht mehr die einzige anerkannte Bezie hungsform ist. Und ja: Singles werden seitens der Gesellschaft nicht mehr defi zitär betrachtet und sind ebenso akzep tiert wie polyamouröse Beziehungen. Männer wollen Beziehung, Frauen genie ßen das Alleinsein – stimmt die Analyse? Studien zeigen, dass Männer ihr Bedürf nis nach Nähe und Zärtlichkeit oft nur im Kontext von Sexualität kennen, während Frauen deutlich öfter körperliche Nähe und Zärtlichkeit auch mit Freundinnen im Alltag ausleben. Warum tun sich heute gerade die Jungen in Partnerschaften besonders schwer? Alltag und Belastungen: Eine Beziehung zu führen will gelernt sein. Schwierige Si tuationen gehören nun mal dazu. Dafür brauchen wir auch Frustrationstoleranz, aber das ist eine Kompetenz, die heute nicht sehr hoch im Kurs steht. Auf Partnersuche: Was raten Sie? Die beste Voraussetzung für eine neue Beziehung ist es, zu lernen, mit sich selbst glücklich zu sein. Wir sollten un seren Partner nämlich wollen – aber nicht brauchen!

FOTO: ISTOCK.COM/MEDIAPHOTOS, SHORTTALK: LISA FISCHINGER, FOTO WILKE

WISCHEN ODER WAGEN?

Perfektes Match? Wer auf der Suche nach einer Beziehung ist, tummelt sich meist am riesigen Online-Partnermarkt. In der Praxis erfülle sich deren Heilsversprechen allerdings oft nicht, weiß Kai Dröge vom Institut für Sozialforschung an der Universität Frankfurt: „Obwohl alle Daten passen, alle Persönlich keitseigenschaften auf Kompatibilität geprüft und alle

‚No-Gos‘ des Beziehungsalltags sorgfältig ausge schlossen wurden, wird trotzdem nicht Liebe dar aus.“ Coach Wolfgang Wilhelm sieht die App-Lie beslage ähnlich: „Wir Menschen sind zu komplex und zu vielschichtig für stupide Onlineprofile. Wir selbst und auch unsere Gegenüber sind es wert, kennengelernt zu werden.“

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