Weekend Magazin Wien 2025 KW47
INTERVIEW
EXKLUSIV: FLORIAN SCHEUBA „Letzter Ort der Freiheit“
HALTUNG. Mit 60 kein bisschen leise: Florian Scheuba bleibt bissig, frei und furchtlos. Im neuen Solo rechnet der Satiriker mit Lügen, Macht und medialem Wahn ab. Von Rudolf Grüner
S ie sind heuer 60 geworden. Hat die Zahl etwas verändert? Scheuba: Es gab keine Zäsur, auch keinen plötzlichen Neustart. Ich habe mir weder ein Motorrad gekauft noch eine Freundin zugelegt (grinst). Ich plane grundsätzlich nicht langfristig, vor allem nicht beruflich. Die Bühne ist mir damals mit 16 Jahren eigentlich passiert – und
ich bin immer wieder zurückgekehrt. Auch weil ich hier in über 40 Jahren kei nerlei Kompromisse eingehen musste. Sie waren im Kulturbetrieb stets auch Teamplayer. Warum jetzt wieder solo? Scheuba: Ganz einfach: Mich hat erneut die Lust am Ausprobieren gepackt. Ich ar beite weiterhin gern in Ensembles, aber allein auf der Bühne habe ich die größt
an Bedrohungsszenarien, die ich so noch nie erlebt habe: Krieg in Europa, Klimakrise – natürliche und künstliche Dummheiten. Denn Wahrheiten zer bröseln. Lügen werden nicht mehr heimlich, sondern offen und schamlos eingesetzt. In einer Zeit, in der selbst das Offensichtliche bestritten wird, braucht es den scharfen Blick durch die Scheuba: … steht es schlecht wie lange nicht. Unerschrockene Unterhalter reiben sich seit jeher an Autoritäten und Auto kraten. Nur wurde darauf bisher mit einer gewissen Coolness reagiert – meistens auch ganz oben. Politische Leader haben uns höchstens ignoriert. Dass ein Präsi dent der USA einen Feldzug gegen einen Talkmaster (Anm. der Red.: Jimmy Kim mel) startet, wäre vor ein paar Jahren noch undenkbar gewesen. Klagen aus den Ins titutionen waren einmal ein „No-Go“. Heute sind die kalkulierten Strategien Maulkörbe anlegen, abschrecken, Kosten erzeugen. Wir erleben massiven Druck. Führt das zu Selbstzensur? Scheuba: Bei mir nicht. Wenn die Angst vor Klagen zur inneren Schere wird, ist das der eigentliche Sieg derer, die die Öf fentlichkeit kontrollieren wollen. Was richten die sozialen Medien und künstliche Intelligenz mit ihrer Macht an? satirische Brille mehr denn je. Um die Freiheit der Kunst …
„Die Lüge ist zur Un terhaltung geworden. Meinungen lösen Wahrheiten ab.“ Scheuba über den neuen Irrsinn
mögliche Bewegungsfreiheit. Und die lebe ich gerne aus. „Schönen guten Abend“ klingt freundlich. Der Inhalt Ihres dritten Solostücks ist es weniger. Scheuba: Es spiegelt die Exzesse wider, die gerade um sich greifen; eine Dichte
Kein Maulkorb. Scheuba ist im Sommer wegen übler Nachrede verurteilt worden. Er sagt: „Ich werde weiter Klartext reden und das Urteil anfechten.“
FOTO: CHRISTIAN HEREDIA
Made with FlippingBook Digital Proposal Maker