Weekend Family Business Burgenland/Niederösterreich 2026 KW38

WIRTSCHAFT

Man spricht oft von einem Wan del im Führungsstil zwischen den Generationen. Gibt es den und wenn ja, wie äußert sich der? Da ist tatsächlich einiges im Umbruch. Mitarbeiter lassen sich heute nicht mehr alles gefallen, wie das noch bei meinen Großeltern der Fall war. Die Führungsstile ändern sich, weil sich auch die Bedürfnis se der Belegschaft ändern. Das spielt mir in die Karten, weil ich stark auf Werte wie Vertrauen, Begeisterung und Kommuni kation setze. Meine Entscheidungen basie ren auf genau diesen Werten. Wir haben 180 Mitarbeiter, das ist eine große Ver antwortung, aber wir haben bewusst fla che Hierarchien. Gerade in volatilen Zei ten hilft man sich gegenseitig und verfolgt

Wie wurde der Übergang von Ihrem Vater zu Ihnen geplant? Wie wurde das organisiert? Ein Jahr vor Ende meines Studiums ist mein Papa auf mich zugekommen und hat gefragt, wie es weitergehen soll. Es hätte mir das Herz gebrochen, hätten wir den Betrieb verkauft, daher ist mir die Entschei dung schon nahegegangen. Bereut habe ich diese Entscheidung aber nie. Ich freue mich jeden Tag, dass so viele tolle Men schen um mich sind. Um gut vorbereitet zu sein, haben wir den ganzen Übergabepro zess bewusst extern begleiten lassen, sonst übersieht man so viele wichtige Dinge – rechtliche, wirtschaftliche oder emotiona le Aspekte. Zudem hat uns das Bankhaus Spängler sechs Tage lang begleitet. Die haben einen Zweig für Familienunterneh men. Im Zuge des Programms haben wir einen eigenen Codex erarbeitet. So sind wir dem typischen Generationenkonflikt aus dem Weg gegangen. Man darf nicht ver gessen: Mein Papa war vierzig Jahre lang allein Geschäftsführer. Das ist auch für ihn nicht einfach. Er steht mir bis heute bera tend zur Seite und unterstützt mich noch ein Jahr lang bei den Finanzen. Wie hat die Belegschaft auf eine so junge Frau an der Spitze reagiert, und wie würden Sie Ihren Füh rungsstil beschreiben? Probleme wegen meines Alters gab es eigentlich keine, weil ich schon als Kind viel mitgearbeitet habe, von Ferialpraktika bis zum regelmäßigen Aushelfen in der Holzhal le. Die Leute kannten mich ja schon. Bewei sen musste ich mich natürlich trotzdem, aber man hat schnell verstanden, dass es nichts zu befürchten gibt. Die anfängliche Skepsis war schnell verflogen und ich wurde ich mit offenen Armen empfangen. Was mir in der Führung am wichtigsten ist, ist, nahbar und offen zu sein, nicht nur gegenüber den Mit arbeitern und Kunden, sondern auch gegen über unseren langjährigen Handelspartnern und Lieferanten. Wenn es in der Branche schwieriger wird, kommt es vor allem auf diese loyalen Partnerschaften an. Das stärkt uns den Rücken. Man bekommt zurück, in was man jahrelang eingezahlt hat. Das ist vor allem für uns als qualitativ hochwertiger Hersteller wichtig.

gemeinsame Ziele. Erst kürzlich ist eine Mitarbeiterin nach 47 Jahren in Pensi on gegangen. Sie hat drei Generationen unseres Unternehmens miterlebt. Diese hohe Loyalität und die geringe Fluktuation sind uns enorm wichtig – gerade weil es so schwierig geworden ist, Fachkräfte zu finden. Wir haben heuer fünf neue hoch engagierte Lehrlinge aufgenommen. Ich halte nichts von dem Klischee, dass die junge Generation nichts leisten will – im Gegenteil, sie sind sehr fleißig. Zum Schluss noch ein Blick auf den Markt: Wo steht Anrei heute, und wohin soll die Reise gehen? Wir sind im gesamten DACH-Raum tätig, also Österreich, Deutschland, dazu Südtirol, Norddeutschland, Belgien und Luxemburg. Schon der heimische Markt zwischen Vorarlberg und Wien ist sehr unterschiedlich, obwohl die Distanzen gar nicht so groß sind – deshalb haben wir ein breites Produktportfolio und sind bei Material und Planung sehr flexibel. Wir bespielen dabei ganz unterschiedliche Stil richtungen. Den norddeutschen Markt wollen wir nun stärker forcieren: In Süd deutschland haben wir einen eigenen Ver trieb, in Norddeutschland arbeiten wir mit freien Vertretern. Jetzt hatten wir die Chance, einen besonders guten Mitar beiter in dieser Region zu gewinnen. Wir gehen aber nicht überall gleichzeitig hin ein, uns ist wichtig, dass unsere Kunden bei der Marktausweitung auch einen gewis sen Schutz haben. Insgesamt sind wir sehr designorientiert und machen gerade einen großen Schritt nach vorn: 2027 präsentie ren wir Neuheiten, die in eine ganz neue Richtung gehen. Themen wie Rohstoffe und Refurbishing werden für uns wichti ger. Wir decken schließlich die Wertschöp fungskette im Haus ab, inklusive eigener Polsterei. Nachhaltigkeit spielt da eine gro ße Rolle: Wenn man von Anfang an in gute Qualität investiert, kann man spä ter auffrischen, statt neu zu kaufen. Unser Hauptmaterial ist und bleibt aber Mas sivholz. Zwar hat sich der Markt in die sem Bereich in den vergangenen Jahren spürbar bereinigt, aber die Qualität des Handwerks und der Qualitätsanspruch der Menschen ist nach wie vor sehr hoch. n

Mein Papa war 40 Jahre lang allein Geschäftsführer. Das ist auch für ihn nicht einfach.

KLARA REISINGER Geschäftsführerin ANREI

FOTO: ANREI

3/2026 | FAMILY BUSINESS | 49

Made with FlippingBook Digital Proposal Maker